Pferd strengt Arbeitsgerichtsprozess an

Was könnte ein Pferd dazu bringen, einen Arbeitsgerichtsprozess anstrengen zu wollen?

Wenn Pferde klagen könnten ….

Pferd strengt Arbeitsgerichtsprozess an

Natürlich gehört diese Einleitung in die Kategorie Sciencefiction, der Beitrag bezieht sich aber ganz real auf Vorkommnisse beim CHIO in Aachen. Warst Du dort, hast Du Eindrücke auf Abreiteplätzen gewonnen? Hat Dir gefallen, was Du gesehen hast? Schreibe es gerne in das Kommentarfeld.

Was wäre, wenn

  • Pferde einfach ihren Dienst verweigern würden, vor das Arbeitsgericht ziehen würden und eine Abfindung einklagen würden?
  • Pferde nicht so freundliche und dem Menschen zugewandte Wesen wären, wie sie es nun einmal sind?
  • Pferde eine Gewerkschaft gründen würden und die unzumutbaren Arbeitsbedingungen unter denen sie als Turnier-Pferde arbeiten müssen, abschaffen wollten?
  • Pferde sprechen oder gar schreien können?

Was wäre dann auf Turnierplätzen, in Reithallen und auf Reitplätzen los? Könnten wir nur noch mit Ohrschutz dorthin gehen, weil es sonst nicht zum Aushalten wäre?

Fragen über Fragen und keine Antworten – oder noch keine.

Warum stellen wir die Fragen überhaupt?

Seit mindestens einem viertel Jahrhundert sind viele Pferde nun bereits Rollkur geplagt. Wikipedia gibt an, dass der Begriff Rollkur erstmals 1992 in einem Artikel der Zeitschrift St. Georg verwendet wurde, Praktiken einer spezielle Dehnung des Pferdehalses jedoch schon bis ins 19. Jahrhundert zurückreiche.

Wir greifen die Ergebnisse auf, zu denen der Video-Kanal Quarks bezogen auf das CHIO 2018 gekommen ist und am Ende unseres Beitrags findest Du zur Diskussion gestellte Veränderungsvorschläge.

Wenn Du magst, kannst Du Dir am Ende dieses Beitrags das Video anschauen.

Es werden darin Video-Ausschnitte vom Abreite-Platz gezeigt. Eine Tierärztin von der Uni Bochum, Frau Dr. Kathrin Kienapfel, die zu der engen Kopf- Halshaltung forscht, hat mit ihrem Team das Video-Material in einer Pilot-Studie ausgewertet.

Hier die Vorgehensweise und die Ergebnisse:

Quantifiziert wurden die Abwehrreaktionen der Pferde in einem festgelegten Zeitfenster. Erfasst wurden z.B. Schweif-Schlagen und auffällige Maul Bewegungen. Von 28 Reitern war genug Material vorhanden, um diese Abwehrreaktionen zu erfassen. Die hohe Dichte dieser Anzeichen für Stress und Schmerz hat die Forscher überrascht.Endergebnis der Quantifizierung war, das tatsächlich ca. 24% der Pferde mehr als 150 Unmutsäußerungen in 3 Minuten gezeigt haben. Bei 5 von 28 Reitern sind mehrfach Szenen grober Einwirkung zu sehen.

Auch  nach Meinung von Dr. Kathrin Kienapfel hätten die sogenannten Stewards eingreifen müssen. Sie kontrollieren bei Reitturnieren eigentlich, dass tierschutzgerecht geritten wird. Auch andere Fachleute bestätigen, dass das Aufsichtspersonal in einigen Fällen hätte eingreifen müssen. Sogar die Deutsche Reiterliche Vereinigung bestätigte dies.

Es sei noch kurz angemerkt, dass die beanstandete Reitweise u.a. zu einer Dauer-Aktivierung der Halsmuskulatur führt und schmerzhafte Muskelkrämpfe zur Folge haben kann.

Interessant sind auch die vielen Kommentare zum Video, die durchweg eine freundlichere Reitweise wünschen.

Warum wurde nicht eingegriffen?

Die FN – also die deutsche reiterliche Vereinigung – ist nicht zuständig für das Turnier.

Das CHIO in Aachen fällt in den Zuständigkeitsbereich der internationalen reiterlichen Vereinigung (FEI) und jene äußerte sich lt. Video lediglich  allgemein zu den Vorkommnissen. Sie schrieb:

“Unsere Rolle ist es, das Pferdewohl hochzuhalten und zu fördern und wir gehen das mit einer langfristigen Sichtweise an.

Jede Trainingsmethode, die falsch angewendet wird, ist nicht akzeptabel und aggressives Reiten muss verhindert werden. Das ist ein anhaltender Erziehungsprozess. Dazu entwickeln wir momentan neue Richtlinien und Videohilfsmittel …”

Welche weiteren Fragen ergeben sich daraus und was könnte die Situation der Pferde verbessern?

Löblich ist, dass die FEI anmerkt, dass aggressives Reiten verhindert werden muss. Aber wie soll dieser Vorsatz umgesetzt werden? Handelt es sich bei dem Vorsatz um so einen wundervollen Neujahrsvorsatz, den wir alle an Silvester fassen und der nach spätestens vier Wochen wieder vergessen ist?  Wenn man bedenkt, wie lange Pferde bereits unter der Rollkur leiden, könnte man durchaus der Neujahrshypothese Glauben schenken.

˜ Was aber besonders stutzig macht, ist das Statement des anhaltenden Erziehungsprozesses.

Das CHIO ist ein internationales Turnier, wer dort startet, sollte wissen, was er tut. Kann es erforderlich sein, Profis, die auf internationalen Turnieren starten, zu erziehen? Sollten diese Reiterinnen und Reiter nicht Vorbilder für alle anderen Reiterinnen und Reiter sein?
Sollten sie nicht zumindest in der Lage sein, zu erkennen, wenn sie einem Pferd Schmerzen zufügen?

Die FEI entwickelt also Richtlinien, und Videohilfsmittel, um ihre Ziele zu erreichen. Warum entwickelt sie diese momentan und hat dies nicht schon vor Jahren getan, das Problem ist doch nicht neu.

Wie kann man mit Richtlinien einen anhaltenden Erziehungsprozess befördern oder vorantreiben.

Lässt sich das Problem überhaupt auf Verhaltensebene lösen?

Warum reiten Menschen, die auf höchstem Niveau reiten überhaupt unter Nutzung einer so unfairen Methode?

Einmal angenommen, sie wären Meister ihres Faches, würde doch erwartet, sie pflegten  eine super tolle Beziehung mit ihrem Pferd und beide hätten Freude am gemeinsamen TUN und der gemeinsamen Anstrengung. Harmonie sollte sich bereits lange eingestellt haben.

Wenn das der Fall wäre, wäre ein Knechten der Pferde völlig überflüssig.

Die Pferde lassen sich – wie im Video zu sehen – diese Prozeduren gefallen und zeigen trotz einer solchen Behandlung die gewünschten Lektionen. Wie toll würden sie sich präsentieren, wenn sie freiwillig tun dürften, was sie tun sollen?

Warum erlauben so viele internationale Reiterinnen und Reiter ihren Pferden nicht, sich harmonisch und mit Freude auf dem Turnier zu präsentieren?

Es steht zu vermuten, dass bereits lange vorher etwas in der Ausbildung und Beziehungsentwicklung schief gelaufen ist. Wenn das nicht der Fall wäre, müssten wir diese unschönen Bilder nicht anschauen.

Wie will man mit Richtlinien oder Video-Material einen Entwicklungsprozess, der auf einem Verhalten von Menschen beruht, die die Pferde ausbilden verändern?

Wichtig wäre es, das Mindset aller Reiterinnen und Reiter dahingehend zu verändern, dass sie dem Pferd gegenüber positiv eingestellt sind und ihm möglichst keinen Schaden zufügen wollen.

Wie lässt sich so etwas bewerkstelligen?

Sicher ist eine Selbstverpflichtung ein guter Ansatz. Wenn alle Reiterinnen und Reiter, die auf Turnieren starten wollen, eine Selbstverpflichtung unterschreiben müssen, in der sie sich verpflichten, ihr Pferd nicht in knechtende Haltungen zu zwingen und grobe Einwirkungen zu unterlassen, würde sich schon die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass sich die unschönen Vorfälle verringern. Wenn darüber hinaus die Stewards ReiterInnen nach dreimaligem Verstoß gegen ihre eigene Selbstverpflichtung einfach nach Hause schicken dürften, wäre eine weitere Reduzierung der Vorfälle zu erwarten.

Zusätzlich ließe sich durch eine einfache Veränderung der Wertung in Dressur- und Stilspring-Prüfungen sehr viel erreichen.  Es müsste einfach nur für jede Unmutsäußerung des Pferdes einen Punktabzug geben. In anderen Prüfungen wie Zeitspringprügfungen z.B. könnten Zeitabzüge z.B. für grobe Einwirkungen eingeführt werden. In Ballsportarten gibt es völlig problemlos Konsequenzen für Fouls.

Mit diesen vorgeschlagenen Änderungen würde der Änderungsauftrag dahin gegeben, wo er hingehört, nämlich zu jedem einzelnen Reiter zu jeder einzelnen Reiterin, die an Turnieren teilnehmen möchte.

Selbstdisziplin ist gefragt. Die ist, wie wir alle wissen, das A und O in der Reiterei und zudem sehr persönlichkeitsfördernd. Nur, wenn die Reiterinnen und Reiter bereit sind, ihr Mindset zu ändern, zu verstehen, dass das Pferd ein so wundervolles und gerne mit dem Menschen kooperierendes Wesen ist, werden wir wieder die volle Schönheit und Anmut der Pferde auf unseren Turnierplätzen mit Freude bewundern können.

Herzliche Grüße an alle pferdefreundlichen Reiterinnen und Reiter und alle, die es werden wollen

Conny

 

P.S. Hier das angesprochene Video:

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Cornelia Lausmann

Hallo, ich bin Conny, gemeinsam mit meinem Pferd Aron habe ich ein spezielles Instrument für Pferde entwickelt. Ich bin begeisterte Pferdeflüsterin, Diplom-Psychologin, Trainerin, Psychotherapeutin (HPG) und Coach. Ich helfe Menschen und Tieren (speziell Pferden) mit besonderen Methoden und Strategien Ihr Leben und ihre Arbeit gesünder und stressarmer zu gestalten sowie ihre Ziele schneller zu erreichen.

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Hallo, ich bin Conny, gemeinsam mit meinem Pferd Aron habe ich ein spezielles Instrument für Pferde entwickelt. Ich bin begeisterte Pferdeflüsterin, Diplom-Psychologin, Trainerin, Psychotherapeutin (HPG) und Coach. Ich helfe Menschen und Tieren (speziell Pferden) mit besonderen Methoden und Strategien Ihr Leben und ihre Arbeit gesünder und stressarmer zu gestalten sowie ihre Ziele schneller zu erreichen.

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